Pflegefachkraft: Ein Beruf mit Feingefühl und Fachwissen. – Wie bezahlen Pflegebedürftige eigentlich die Pflege?

Wenn der Körper nicht mehr mitspielt, sind viele ältere Menschen auf die Hilfe von Pflegepersonal angewiesen. Maria ist eine von ihnen. Auf die neue Situation muss sie sich erst einstellen. Unterstützung erfährt sie dabei von Fachkräften eines ambulanten Pflegedienstes. Tabea hat Maria besucht und sich mit einer Pflegefachkraft über ihre Arbeit unterhalten.

Es duftet nach Früchtetee, als ich Marias Wohnung betrete. Sie bittet mich ins Wohnzimmer und wir setzen uns auf eine Couchgarnitur, die vermutlich einige Geschichten zu erzählen hätte. Maria sagt mir, dass ich den Pflegedienst gerade verpasst habe, denn seit ihrem Sturz im vergangenen Winter ist die 73-jährige Dame auf diese Hilfe angewiesen. Dadurch hatte sich ganz plötzlich sich ihre Lebenssituation verändert– nun ist sie pflegebedürftig. Jeden Morgen hilft ihr eine Pflegekraft beim Waschen. 

Wer kommt für die notwendige Pflegeleistung auf?

Wird ein Mensch pflegebedürftig, wird sein Pflegebedarf vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (kurz MDK) ermittelt. Dazu kommt der MDK zu den Menschen nach Hause, spricht mit Ihnen und schaut sich die Hilfebedürftigkeit und die Wohnsituation an. Maria hat diesen Vorgang hinter sich. Die Feststellung des MDK ermittelt insbesondere den pflegerischen Bedarf, den eine Person benötigt und bemisst dafür den zeitlichen Aufwand. Daraus ergibt sich, ob die Patientin oder der Patient Pflegestufe eins, zwei oder drei bekommt. Aus der Pflegestufe ergibt sich dann, wie viel Geld dem Patienten für seine Pflege zu Verfügung steht. Dabei es kann vorkommen, dass die ermittelte Pflegestufe die aufkommenden Kosten nicht abdeckt.

Eine morgendliche Ganzwaschung, wie sie Maria braucht, kostet beispielsweise circa 20 Euro – also 600 Euro im Monat. Die Pflegestufe eins beinhaltet aber eine monatliche Sachleistung von lediglich 468 Euro. Das bedeutet, dass die Kosten für die Pflege, die Maria benötigt, nicht vollständig gedeckt sind. Im Ergebnis bedeutet dies, dass die ermittelte Pflegestufe nicht ausreicht, um die Pflegebedürftigen entsprechend fachgerecht zu versorgen. In solchen Fällen müssen die Patientinnen und Patienten den Restbetrag entweder aus eigener Tasche bezahlen oder sie wenden sich an das Sozialamt, das für Menschen mit wenig Geld den Restbetrag bezahlt. Alternativ kann der Pflegebedürftige mit dem Pflegedienst aushandeln, dass er nicht jeden Morgen versorgt wird oder er nur eine Teilwaschung erhält.

Für Maria wurde Pflegestufe 1 ermittelt. Sie hat sich dafür entschieden nur eine Teilwaschung in Anspruch zu nehmen. Vor allem beim Ein- und Aussteigen in die Dusche braucht sie Unterstützung, erklärt sie mir. „Anfangs war es sehr ungewohnt und es fühlte sich seltsam an, etwas Selbstverständliches wie das morgendliche Waschen nicht mehr ohne fremde Hilfe bewältigen zu können“, erzählt sie mir. „Aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und freue mich auf die Besuche des Pflegedienstes“.

Die Einsamkeit ist oft schlimmer als die körperlichen Beschwerden

Maria hat den Beruf der Krankenschwester selbst jahrelang ausgeübt, bis ihre Kinder zur Welt kamen und sie zu Hause bleiben musste. Nun sind ihre Kinder längst aus dem Haus und wohnen fast 200 Kilometer entfernt. Als ich mich im Zimmer umschaue, bemerke ich, dass ich von Fotos umgeben bin, die offensichtlich aus einer Zeit stammen, als Maria ihren Alltag noch selbstständig bewältigen konnte. Sie folgt meinem Blick und als könne sie meine Gedanken lesen, sagt sie: „Manchmal ist es schon sehr einsam, seit mein Mann nicht mehr lebt. Die Kinder haben selbst so viel zu tun.“ Ab und zu gehe sie mit einer Freundin spazieren oder mit der Nachbarin zum Einkaufen. Sie schaue viel Fernsehen, sagt sie etwas entschuldigend. Die Tochter einer Bekannten putzt zweimal in der Woche für Maria. Ihre Wohnung verlässt sie inzwischen nur noch selten.

Die Pflegerinnen und Pfleger haben meist zu wenig Zeit, um eine Tasse Kaffee mit ihr zu trinken. Maria ist bewusst, dass das Pflegepersonal täglich viele Patienten versorgen muss und ist dankbar, dass jemand vorbeikommt, der sie versorgt und mit dem sich hin und wieder ein wenig unterhalten kann. 

Eine Kostenfrage: Die eigenen vier Wände oder ein Pflegeheim?

Im Kopf erscheint Maria mir völlig klar, doch ihr Körper spielt nicht mehr mit. Ich frage sie, ob sie sich vorstellen könne, in ein Seniorenheim zu ziehen. Doch die ältere Dame vermutet, dass das Pflegepersonal dort auch nicht viel Zeit habe, sich mit ihr zu beschäftigen und sie alles zu sehr an ein Krankenhaus erinnere. Sie wolle in ihrer eigenen Wohnung bleiben, solange es ginge. Außerdem, merkt sie an, dass ein Pflegeheim sehr viel Geld koste und sie sich das nicht leisten könne.

Als ich die Wohnung von Maria verlasse, bekomme ich ein schlechtes Gewissen, die alte Frau alleine zurückzulassen. 

Mehr Personal – im Sinne des Patienten!

Ich frage mich, wie es sich anfühlt, jeden Tag mit pflegebedürftigen Menschen zu arbeiten und treffe mich daraufhin mit Dina, einer 25jährigen Krankenschwester aus Köln. Sie arbeitet seit drei Jahren für einen mobilen Pflegedienst. Ich berichte ihr von meinem Nachmittag bei Maria und dem Gefühl das ich beim Abschied empfunden habe. Ich möchte wissen, ob sie ähnlich empfindet. Dina erklärt mir: „Oft ist es schwierig, den richtigen Grad zwischen professionellem Handeln und den eigenen Gefühlen für die  Pflegebedürftigen zu finden. „Ich möchte gerne mehr für die mir anvertrauten Pflegebedürftigen tun. Doch wenn man sich einem Pflegebedürftigen mehr widmet, fehlt die Zeit meistens beim nächsten Patienten“. Dina macht deutlich: „Mit mehr Personal wäre einiges mehr im Sinne des Patienten möglich“. In vielen Mobilen Pflegediensten kommen 10 bis 15 Patienten auf eine Pflegekraft. Die verfügbare Zeit pro Patient ist dabei teilweise auf zehn Minuten begrenzt. Eine Rolle bei der Versorgung der Patienten spielt aber auch die Philosophie des Pflegedienstes oder Seniorenheims. Es gibt viele Betriebe die versuchen, ausreichend Personal einzustellen. Aber Fachpersonal ist schwer zu finden – auch wenn den Pflegediensten Wohlergehen ihrer Patienten sehr am Herzen liegt.

Oft ist die Zeit knapp!

Die Patienten brauchen oft mehr Zuwendung, als Leistungen durch die Pflegeversicherung bezahlt wird. Diese Situation ist für alle Beteiligten nicht leicht. Komplizierter wurde das Verfahren zudem durch die seit 2013 eingeführte Pflege nach Zeitvergütung. Pflege muss nun entweder nach Zeitaufwand oder nach sogenannten Leistungskomplexen den Patienten von den Pflegediensten angeboten werden. Zunächst scheint die Zeitvergütung im Sinne des Patienten zu sein. Denn, wenn man beispielsweise für eine Ganzwaschung nur noch 15 Minuten einrechnet, kann der Patient diese eventuell täglich in Anspruch nehmen ohne eine private Zuzahlung leisten zu müssen. Die Zeitvergütung kann jedoch zur Folge haben, dass dem Pflegebedürftigen letztendlich weniger Zeit zugerechnet wird und zudem die Pflegekraft ihre Arbeit genau unter der zeitlichen Vorgabe erledigen muss.

Der Alltag sieht oft anders aus. Pflege nach Plan und Uhr ist nicht immer möglich, unerwartete Zwischenfälle können jederzeit auftreten. Pflegekräfte müssen dann vor Ort spontan und selbstständig Entscheidungen treffen. Insgesamt wünschen sich meisten Patienten und Pflegekräfte eine intensivere statt einer zeitlich begrenzten Zuwendung. 

Mit Herz und Seele – und hoffentlich mit Anerkennung

Dina hat trotz dieser Herausforderungen viel Freude an ihrem Beruf. Sie hat mir aber auch anvertraut, dass sie sich eine größere gesellschaftliche Anerkennung ihrer geleisteten Arbeit wünschen würde. Unsere Gesellschaft wird immer älter und das Pflegepersonal ist knapper denn je. Die Pflegfachkräfte möchten genau das leisten, was die Pflegebedürftigen, wie Maria, sich wünschen: gute Arbeit, verbunden mit emotionaler Unterstützung. Und was denkt Maria über all das?

Sie ist dankbar für die tägliche Hilfeleistung durch das Pflegepersonal. Sie weiß, dass eine intensivere Zuwendung aus zeitlichen und finanziellen Gründen meist nicht möglich ist. Und doch wünscht sie sich gelegentlich Pflegekräfte, die ein wenig Zeit zum Reden und Zuhören haben und bei Arbeit nicht ständig auf die Uhr schauen müssen.